Begegnung
„… oder die Kunst Boule zu spielen“

Von Helmut Hahn

 

Die Loire trieb, kleine Strudel bildend, breit und mächtig nach Westen. Es war Frühsommer. Das Sonnen-Gestirn stand schon tief. Die Erdumdrehung schaffte die Illusion, daß die sich bereits rot färbende Scheibe im Dunst dem Horizont zustrebte. Hier am Himmel Frankreichs, ist das Tag-Gestirn männlich und das Nacht-Gestirn, in Korrespondenz, weiblich. Wir waren im „Garten Frankreichs“, am Jahrestag der Revolution. – Wir, das waren Eva Stünke, die Kölner Galeristin, Gerhard Kadow, der „Künstler Professor“ – so bezeichnete er sich selber – aus Köln und der „junge Hahn“ – wie später Max Ernst in einer Widmung schrieb und zeichnete. Ich sollte versuchen, einige Fotos von Max Ernst zu machen – wenn er es zuließ! – und eine Idee für einen Film entwickeln.

Dies, von dem nun zu berichten, liegt nun schon gut 30 Jahre zurück. Dennoch, ich fühlte mich in eine besondere Verfassung der Aufnahmebereitschaft versetzt, liegen jetzt noch die Ereignisse klar vor Augen.

Nach der Nacht am anderen Morgen verließen wir die breite Tal-Ebene der Loire. Noch stand im bleichen Glanz der Reflexion die Scheibe des Nacht-Gestirns im hellen Himmel. Kleiner als erwartet. Die Eindrücke, die die Aspekte der Erscheinungen hinterließen, veränderten sich. Der Auswertungsmechanismus unserer Wahrnehmung, noch ehe wir reflektiert hatten, war bereits vollgesogen von Erwartung und hatte offenbar die Wahrnehmung selber ihrerseits in eine gewisse Färbung getaucht. Aber diese Phänomene überraschten uns nicht. Im Gegenteil, wir schienen sie zu erwarten, je mehr Distanz-Verlust uns dem Ziele näherbrachte.

Wir überquerten sanft geschwungene Hügelketten, um in die Flußsenke des Indre hinüberzuwechseln. In diesem Garten Frankreichs war der Indre aufgrund der geologischen Beschaffenheit gezwungen, nach Westen seinen Lauf zu suchen. Dennoch löste dies bei uns Verwunderung aus, zeigte uns doch Max Ernst in seinem Garten Frankreichs, daß zwar die Loire nach Westen, der Indre jedoch gegenläufig, nach Osten, seinen Lauf nimmt. Aber dieses Bild entstand ja sowieso erst 1962. Kurze Niederungen waren von kleinen Pappelwäldchen bestanden, die sich in geometrischer Anpflanzung zu kleinen Wäldchen reihten. Von Reben überwucherte Gehölze, Geheimnisvolles verbergend, zogen sich die Hügel hinan.

Das Hineinfallen in einen Brunnen, wie bei Frau Holle, wo man am anderen Ende hinaustritt in eine andere Welt. – Alice ist es ähnlich ergangen. Dort war es ein Spiegel. – Wir allerdings waren eingetreten in das Land des Gargantua und Pantagruel – die Touraine. Umklammernde Stille. Jedes Geräusch eines Vogels scheint von besonderer Bedeutung. Das Licht – unendlich weich. Keine Geschäftigkeiten – keine Menschen. Dennoch, bewohnt muß diese Gegend sein, obwohl sich alles offensichtlich versteckt. Technische Errungenschaften der Zivilisation, zwar altertümlich, geben Hinweise. Aber alles wirkt so, als wäre es vergessen. Vereinzelt ein altmodisches Windrad, wohl zur Stromerzeugung gedacht. Es drehte sich nicht, obwohl es schrill quietschend hin und her pendelt, suchend sich dem Wind entgegenzustellen. Eine Überlandleitung, mit dünnem Draht, altmodisch auch diese, begleitet die Straße. Die Landschaft geometrisch aufteilend, läßt sie uns ahnen, welchen Weg wir nehmen würden. Die Isolatoren, sonst aus weißem Porzellan und schon damals selten, hier waren sie aus durchsichtig grünlichem Glas. Eine Besonderheit, die wiederum die Nähe von Max Ernst ankündigte, wie wir feststellten.

Dann an einem Pfahl ein Brett, fast schon im Graben der Straße, überwachsen im Brombeer-Gesträuch. Huismes war zu lesen – wenn man es wußte. Weiter nichts. Hier war also die Ortschaft, die wir suchten. Aber die Gegend schien verlassen, Behausungen nicht zu sehen. Nach einer kleinen Biegung eine Anhöhe hinauf, dann doch einige Häuser, wieder eine Biegung, diesmal schärfer. Wir hatten die Ortschaft bereits verlassen. Zwar gingen links und rechts Wege ab, die zu Anwesen führten, die auf dem Plateau oder in einer Senke gelegen, wo dann nur noch ein langgestrecktes Dach sichtbar blieb. Diese Wege waren mehr oder weniger von Radspuren gezeichnete Feldwege. Stellenweise der Versuch, mit hellem Schotter den Weg zu befestigen. Weniger günstiges Wetter würde alles in einen schwarzen Morast verwandeln, zerfurcht, in dem Linien von grünen Grasnaben sich noch behaupten und Wasserlachen sich sammeln würden. Auch hier keine Menschen. Indes Hunde, die eilig die Wege kreuzten und, als wären sie in wichtigen Geschäften unterwegs, zielstrebig wieder verschwanden. Aufgebrachtes Gekläffe riß die Stille auf, näherte man sich den meist im Geviert gebauten Gehöften. Auffallend ein größeres, gepflegtes, welches bewohnt schien. Ein Eisentor, ein Stück Mauer teilend, verbindet zwischen zwei länglichen Gebäudeteilen, die sich gegenüberstanden. Hier regte sich nichts. Unter dem Torspalt bemerkten wir dann, wie ein kleiner Hund versuchte, dezent Witterung aufzunehmen. Hier müßte es sein, dachten wir und traten ein. Vor uns standen Max Ernst und Dorothea Tanning. Die Unruhe der Hunde in der Umgebung hatte uns angekündigt. Auf dem Arm von Frau Dorothea befand sich im Nu jenes Geschöpf von sehr einnehmendem, dennoch eigenwilligem Wesen, was zu Zeiten mehr Katze denn Hund. Katchina, auch Dreamy, in Erinnerung an Dream Rose. Besonders wenn man in seiner Gegenwart von ihm sprach, nannte man ihn so, um ihn nicht aufzuschrecken, denn das Wort verstand er nicht. Aber vielleicht war es sowieso die Katze im Baum, der Alice begegnete.

Man war fröhlich und freute sich. Die Gespräche, Zweck des Besuches, fanden draußen statt. Das Wetter war schön, aber noch zu frisch, um sich hinzusetzen. Das Haus von Max Ernst betraten wir also nicht. Stattdessen wurde sofort eine Partie Boule angesagt. Inzwischen auch zum Patron geschickt und ein Mittagessen bestellt. Die freie Fläche zwischen den Gebäuden, der Mauer mit Tor und dem nach hinten liegenden Teil, wo ein ländlicher Garten sich bemühte anzuwachsen, schien eigens für Ritual und Exercitien des Spiels mit den Kugeln hergerichtet. Ein sandiger Boden ließ die Kugeln dumpf auffallen, ohne daß sie große Möglichkeit gehabt hätten, fortzurollen. Es sei denn, man legte es in flachem Wurf darauf an. Manchmal dann das helle Klingen, glockenhell wie der Klang von Lauten, die eine gewisse Krötenart bei Mondschein, wenn der Vollmond im August steht, hervorbringt, trafen sich die Kugeln. Dumpfes Dröhnen hingegen, spielte man das Eisentor an, ein Effekt von höchster Raffinesse, wie Max Ernst meinte, denn so konnte man von rückwärts anspielen.

Daß ich schon bei dieser ersten Begegnung Fotos machte, war Max Ernst nicht recht. Eva Stünke konnte aber besänftigen. Außerdem waren es aus der Hand gemachte „Schnappschüsse“, auf denen man ja doch nichts sehen würde, war Max Ernst überzeugt. – Es sind dies die Aufnahmen beim Boule-Spiel. –

Der Gasthof war eher als einfach zu bezeichnen. Dennoch übertraf er die Erwartungen. Der Schankraum mit Theke und zwei bis drei rohen Tischen. Für die Gäste wurde eine karierte Decke aufgelegt, die die grobe Maserung der Tischplatte verdeckte. Natürlich war das Essen einfach, aber gut zubereitet. Dazu Landwein. Wir erfuhren, ohne Anspruch könnten auch zwei Zimmer für die Nacht gerichtet werden. Am Nachmittag fuhren wir jedoch bereits wieder zurück.

Eva Stünke hatte für mich bei Max Ernst erreicht, daß ich nochmals kommen dürfe, um Fotoaufnahmen zu machen. Aber nur, wenn ich nichts auf den Kopf stellen würde, und falls etwas aus den Schnappschüssen geworden sei, solle ich sie mitbringen.

Wir sprachen in deutsch miteinander. Max Ernst tat es gern. Da Dorothea merkte, wie sehr Max in der Sprache – wir sprachen über Allerweltsdinge – auflebte, hatte sie nichts dagegen. Obwohl sie selbst nun kein Wort verstand, verzieh sie uns die Unhöflichkeit.

Doch – wir haben einen Blick in das Hausinnere getan. Auf dem Fensterbrett stand eine kleine gefärbte und strukturierte Tafel. Geschichtete Formationen, durchzogen von Astwerk ähnlichen Spuren, ließen Figürliches erkennen. Es war ein Bild kurz vor dem Abschluß. Es sollte Pour les amis d’Alice werden. Der Titel stand aber noch nicht fest.

Dieses ländliche Anwesen von Max Ernst entsprach in Geometrie und Proportioniertheit dem, wie in diesem Landstrich üblich. Ein aufgegebener Hof, nur kaum verändert. Keine romantischen Überwucherungen der Natur oder anderes heimeliges Beiwerk. Karge und schlecht wachsende Bepflanzung, beiläufig eigene Plastiken, wie abgestellt, hingestellt. Sicherlich, ein „Fotograf“ für die Zeitschrift Maison et jardin würde hier seine Motive nicht finden.

Die Rückfahrt ließ uns noch kurz halt machen bei Alexander Calder, der auch in der Gegend wohnte. Bei Calder eine alte Wassermühle. Schon aufgrund ihrer ehemaligen Funktion abseits und romantisch gelegen, versteckt in Büschen, überwachsen, überwuchert, Verfallenes. Ein Steg, und man tritt auf eine etwas höher gelegene, ansteigende Fläche, unaufgeräumt, Schrott-Teile, Gerümpel gleich, abgestellt. Vegetation drängt sich hindurch. Zwei ältere Damen hantieren in weiten langen Röcken. Strohhüte mit buntem Band, den Hochsommer beschwörend. – Ob Monsieur Calder da sei. Man versteht nicht. Doch er ist da, tritt aus dem Haus. Sein lautes, in großem Karo rotschwarz kariertes Wollhemd macht deutlich: hier ist Amerika in der Dekoration für ein verwunschenes Märchenspiel, die bösen oder guten Frauen inbegriffen. Ebenfalls laut aufgefordert einzutreten, steht man in einem großen Raum. Sicherlich laut, weil in Frankreich befindlich und wohl meinend, die Lautstärke würde zur besseren Verständigung beitragen. Der große Raum mag Lagerraum gewesen sein, das Dachgestühl offen sichtbar. Skurrilitäten hängen, stehen. Aus kleinen Kuchenförmchen, in denen die „Madeleines“, landesübliche Küchelchen, gebacken werden, und Draht sind Leuchter montiert. Getrocknete Kräuter und Blumen. Hier hingegen würde der Fotograf von Maison et jardin – er ist es auch – auf seine Kosten kommen.

Ja – man wollte nur guten Tag sagen, da man in der Gegend sei, nun aber doch noch weiter müsse.

Der verabredete Zeitraum für den zweiten Besuch, es war September geworden, näherte sich. Die Anfahrt war weniger mysteriös gestimmt. Ich nahm eine von Max Ernst beschriebene Route. Im Gasthof quartierte ich mich ein. Das bessere Zimmer wurde hergerichtet. Ein großes französisches Bett für zwei mit einer Kuhle, ein Schrank mit Spiegeltür. Ein Tisch für die altmodischen Gerätschaften, um Toilette zu machen. Wasser würde man bringen, oder besser sie zeigten mir, wo es zu entnehmen sei, unten im Hof. Dort auch das „cabinet d’aisances“. Das Zimmer selber war sehr schmucklos. Die Tapeten-Bordüren, die in den Collagen von Max Ernst, seinen Dada-Wälder, der Herings-Schule, der Kleinen Tränendrüse die tictac sagt und ähnlichem Verwendung fanden: hier waren sie nicht, obwohl eine stille Hoffnung, als sehr wohl möglich, danach trachtete.

Den ersten Kontakt wollte ich nun telefonisch mit Max Ernst wieder aufnehmen und mich melden. So erfuhr ich, daß das einzige Telefon des Ortes eben in dieser „Bar“ sei. Ohnedies stünden die meisten Häuser leer. Man hätte nur die Hunde zurückgelassen und ihre Besitzer wären nun Leute aus Paris, die zum Weekend kommen. Ja, der Boden sei hier sehr schlecht. Entweder liefe das Wasser nicht ab, oder der Regen spüle alles hinweg bis auf den blanken Fels. Dies sei aber nur auf diesem kleinen Plateau so. Wenige Kilometer weiter sei das schon anders. Die merkwürdigen Phänomene der ersten Ankunft fanden so zum Teile ihre durchaus geologische Erklärung.

Da die Uhrzeit angemessen, machte ich mich auf den Weg, um meine Aufwartung zu machen. Das Wetter war nicht so freundlich wie beim ersten Mal. Mit einem Packen meiner fotographischen Arbeiten, darunter eine Auswahl der Aufnahmen aus Venedig und Herculaneum, stand ich vor Max Ernst. Er zeigte Freude und forderte mich sofort auf, das Mitgebrachte vorzuführen. Wir standen in der Küche vor einem großen langen Tisch, auf dem ich alles ausbreiten konnte. Erst bedächtig, dann zusehends erheitert, sah er sich alles interessiert an, verglich, legte nebeneinander. Kein Wort. Jedoch vernahm ich, aus der gespannten Stille heraus, hin und wieder einen Laut. Es war eine Art akustischen Grinsens von etwas heiserer Färbung, dem manchmal ein leichtes, kurzes Räuspern folgte. – Diesen Laut sollte ich noch oft hören, und er wird mir immer mit der Erinnerung an Max Ernst verbunden bleiben. Dieser Laut hatte etwas von Zustimmung und des Ertapptseins zugleich. – Dann brach er das Schweigen. „Das ist es“ – „ja“ – „Das ist es“ – „Sie haben es“. Das wurde beiläufig gesagt, denn er war noch mit der Betrachtung beschäftigt und zeigte dann auf dieses oder jenes. Es war die Präsenz eines ganz bestimmten Hintergrundes, vor dem es einer Artikulation in Worten nicht mehr bedarf. – Meine Befangenheit wich, als er dann schließlich die Hand auf meine Schulter legte und sie andrückte. Was ich denn nun vorhätte? – Ich sei in der „Bar“ einquartiert und wolle ein paar Tage in der Umgebung fotografieren. Wenn möglich auch bei ihm. Zu letzterem erhielt ich sein Einverständnis, sofern ich ihn als Person ausspare. Da er auch festgestellt hatte, daß ich nur mit einfacher Kamera plus Stativ arbeiten würde, also ohne die „großartigen Vorrichtungen der Objektiv-Vorsätze, Blitze oder Leuchten“, war er bereitwillig. Wir würden uns nicht stören. Ich könne jederzeit kommen, ein Weg „hinten herum“ wurde mir gezeigt. Schon verabschiedeten wir uns für diesmal. Allerdings um fünf Uhr solle ich doch kommen. Wir müßten mit den Kugeln spielen.

Spurensuche – dieser Begriff war damals noch nicht geläufig und kam mir auch nicht in den Sinn. Ich sah mich wieder in eine Verfassung versetzt, die die gegenseitige Anziehung zwischen Objekt und dem künstlerischen Bewußtsein hervorrief. Verborgene Dinge machten sich so bemerkbar. Die Tage vergingen, das Spiel mit den Kugeln um siebzehn Uhr wurde Ritual. Nie zuvor hatte ich ,,Boule“ gespielt. „Sie Betrüger – natürlich spielen Sie schon lange Boule“. Meine Beteuerung „nein“ stellte eine neue Herausforderung dar. Damals wußte ich noch nichts von „der Kunst des Bogenschießens“ im Zen. War es Max Ernst bewußt? Angesichts der Plastik Der König spielt mit der Königin, die im Hintergrund inmitten einer Anpflanzung von Niedriggrün, Kräutern für die Küche und von Kapuzinerkresse und treibenden Gladiolen stand, wird auch die metaphysische Bedeutung von Yin und Yang mitspielen. Schon nach der ersten Partie, die allerdings noch zu dritt gespielt wurde, gab Dorothea auf und ließ fortan dieses Problem in unseren Händen. Die verbale Verständigung lief in drei Sprachen ab. Dorothea äußerte sich meist englisch. Französisch nur ungern und wenig, deutsch sehr eingeschränkt. Max Ernst mit mir allein nur deutsch, wobei ihm dies offensichtlich Freude bereitete, da er nach langer Abstinenz in meiner Sprechweise den heimatlichen Klang nicht überhören wollte. So erzählte ich Kölner Schlitzohrigkeiten der Schwarz-Markt-Zeit. Einige ihm sicherlich bekannt, aber dann gerne von neuem gehört. Einiges blieb für Dorothea unübersetzbar, da die Pointe in der Mentalität des Rheinländers, genauer des Kölners, lag. Ich selber verstand englisch, sprach es dort aber nicht, wohingegen meine Äußerungen in französisch und deutsch erfolgten. Max Ernst ließ sich gerne berichten, was ich tagsüber gemacht hatte – gesehen hatte. Einige, mehr kunsthistorische Hinweise erhielt ich von ihm als Anregung zu Besichtigungen. Es ging von mir aus, daß ich über die Maler sprach, die mir wichtig waren. Er war erstaunt, den Namen Hercules Seghers von mir zu hören, dann erfreut, weil er es ungewöhnlich fand, daß jemand meiner Generation, der sich nicht zwingend damit zu befassen hatte, hier ein Interesse fand. Dann Richard Oelze. Da ich mich in jenen Jahren mit Mustern für die Industrie befaßte und die Verwandlungen einer Grundform interessierten, auch als Möglichkeit zu künstlerischen Äußerungen, sprach ich hierüber. Der Begriff Op-Art begann sich in jenen Jahren erst herauszubilden. Hier meinte Max Ernst, dies sei eine Methode, mit deren Hilfe Dekorationen – keine schlechten – entstünden. Einen bedeutungsvollen Literatur-Hinweis erhielt ich: James G. Frazer – The Golden Bough, 1922.

Im Inneren des Hauses waren zwei Räume, die ich betreten habe. Alle Räume waren übrigens direkt von draußen zu betreten und lagen nebeneinandergereiht. Gewöhnlich war es die Küche, dem großen Tor am nächsten gelegen, die man betrat. Immer brachte man Sand mit hinein, obwohl man sich mühte, dies zu vermeiden. Die Küche also wurde beherrscht von jenem großen langen Tisch. Stühle standen keine darum. Sie waren irgendwo zu finden. Ein hoher, anrichtenartiger Schrank in einer Ecke. Daneben, an der Wand, das kleine Bild von Dorothea Tanning Max in der Gondel spielt Schach. Die Wand gegenüber war bestimmt für eine Reihung von Kühlschrank, Herd, Spülbecken, Spültisch. Jedes einzeln nebeneinander, wie in einer Art Camping. In einer Ecke stand ein Sofa mit hellem Leinenbezug. Ein Kamin? In einer Wand befand sich noch eine Türe. Der Raum war hell und immer aufgeräumt. Der zweite Raum, daneben gelegen und wie bereits gesagt von außen betretbar, war ebenso karg. Steinfußboden. Die linke Wand nahm die volle Fläche fast füllend, die zweite Fassung von Un peu de calme ein. Davor, ebenfalls ein nicht ganz so langer Tisch wie in der Küche. Dahinter ein Sessel aus Holz mit Flecht-Sitz und -Rücken. Es folgte eine sonst freie Wand mit Türe. Die nächste Wand beherrschte ein großes Bild von Dorothea Tanning, Tableau vivant. Es hing zur rechten Ecke hin und war sinniger Weise von einem Gummibaumgeranke halb verdeckt. Schräg gestellt zwei kleinere niedere Holzsessel an der gleichen Wand. Die vierte Wand war für die Türe nach außen und ein großes Fenster. Zwischen Tür und Fenster waren untereinander einige Figürchen der Hopi-Indianer angebracht. Auch hier, der Raum karg und hell, nichts nach Geschmack arrangiert. Daß die beiden Räume von rückwärts einen Verbindungsgang hatten, erfuhr ich später, konnte es aber schon annehmen. Eines Morgens meinte Max Ernst, sicherlich wolle ich doch noch ein Foto mit ihm machen. Aber bitte nur kurz – drei Minuten. Das Wetter war schön, ich hatte nur die Kamera dabei, kein Stativ. Ich bat ihn, er möge sich doch vor die halboffene Tür stellen. Er war etwas erstaunt. Ich hatte allerdings die grobe Maserung der Tür, die schräg zum einfallenden Sonnenlicht stand und deutlich die Maserung hervortreten ließ, bemerkt. Ich zeigte darauf. Er begriff sofort meine Intention. Weiter wollte ich jedoch nicht dirigistisch eingreifen. Ich hatte ja schon lange diesen Augenblick herbeigewünscht, aber nicht danach gefragt. Nun – so völlig überrascht – war ich einigermaßen aufgeregt, auch darum, weil es ja wieder ein „Schnappschuß“ werden würde, und da weiß man nie. – Schon war alles geschehen. Max Ernst wandte sich anderen Dingen zu, vorbei der große Augenblick.

Es war wohl ein Sonntagmorgen, als ich mich verabschieden wollte, da ich den Aufenthalt – waren es nun doch schon 14 Tage? – beendet sah. Es sollte auch noch eine „Partie“ gespielt werden. Max Ernst ließ mich an der Küchentür eintreten. „Kommen Sie durch. Ich habe zwar Besuch, aber es stört nicht“. Von den Kugeln keine Rede. So war das letzte Spiel bereits gespielt, ohne daß wir davon gewußt hätten. „Vorsicht, hinter der Tür ist eine Stufe“. Es war die rückwärtige Küchentür, die in einen niedrigen, mit schräger Decke versehenen gangartigen Raum führte. Ursprünglich, so schloß ich, werden hier wohl Stallungen für Ziegen oder Hühner und Unterbringungen für sonstiges gewesen sein. Nun war hier ein Bad eingerichtet mit den obligatorischen französischen Utensilien aus Porzellan. Ein aufdringliches Dekor in Carminrot und Grün überwucherte das Ganze. Dicke Redouté-Rosen. Daß ich stutzte, bemerkte Max Ernst wohl, denn ich vernahm sein Grinsen. Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen und in dieser Umgebung nicht vermutet. Ebenfalls durch die rückwärtige Türe traten wir wieder nach vorne in den „Salon“ ein. Der eine von den beiden kleineren Sesseln wurde von einer männlichen Gestalt im mittleren Alter besetzt. Wir nickten uns zu, denn ohne das geringste Wort zur Situation wurde mir der andere Sessel zugewiesen. Max Ernst nahm im Sessel hinter dem großen Tisch Platz. Offenbar hatte er bei meinem Kommen eine Lektüre unterbrochen. Er nahm das mit dem Deckel nach unten liegende, aufgeschlagene Buch zur Hand und vertiefte sich wieder darin. Tiefe Ruhe legte sich über uns. Wir saßen in einer schwebenden Stille, aus der sich aber Max Ernst ausgeklammert hatte. Hin und wieder waren aus dem Nebenraum, es war anzunehmen, daß das Bad dann auch einen Zugang zu einem Schlafzimmer ermöglichte, zwei weibliche Stimmen zu hören, die sich in kurzen Mitteilungen verständigten. Geräusche raschelnden Stoffes drangen durch den „Rosengang“ und berührten mich. Ich wohnte diesem Ritual bei. Max Ernst, nachdem eine Seite sorgfältig gelesen war, blätterte um. Durch gepreßte Lippen vertrieb er mit einem kurzen Luftstoß kleine Gewitterwürmchen, die wohl zwischen die Seiten gerieten. Zwei Möglichkeiten konnten das Vorgehen erklären. Entweder sollte das Leben dieser verschont bleiben, oder Max Ernst wollte Flecke vermeiden, die in dem Buch entstehen würden, wenn sie erst zwischen die Seiten gerieten und platt gedrückt würden. Das Verhalten wirkte auf mich gekünstelt, eigentlich in seiner Produzierung albern. Manchmal ein Räuspern – ohne Grinsen – auch dies überzogen.

Es verging beträchtliche Zeit. Dann Belebung nebenan. Das Gesprochene erhielt einen bewegten Rhythmus, das Rascheln von Stoff und sonstige Geräusche, die als weiblich zu identifizieren waren – zwei Frauen, die sich zu schaffen machten. Dann trat Frau Ernst ein, gefolgt von einer Madame im „kleinen Schwarzen“. „Ihr seid fertig“, stellte Max Ernst fest. – Merkwürdig, mir fiel auf, Max Ernst konnte französisch oder englisch sprechen, ich selber vermeinte immer deutsch zu hören. – Es erfolgte eine kurze Verabschiedung, bei der ich Platz behalten sollte. Dann erklärte Max Ernst: „Gut daß Sie mitgespielt haben. Dieser Mann ist entsetzlich dumm.“ – Die Schneiderin und ihr Mann waren aus Chinon gekommen, zur Anprobe für Dorothea. Dann, er müsse morgen nach Paris, ob ich wohl noch bliebe, denn Dorothea käme erst in ein paar Tagen nach, und wenn ich dann in meinem Auto seine Frau und noch etwas Gepäck mitbringen würde – mit seinem kleinen Wagen gäbe es Transportprobleme.

Max Ernst und ich sahen uns in Paris wieder.

Wie verabredet, erschien ich in den folgenden Tagen wie üblich um siebzehn Uhr. Nun wurde ein anderes Spiel, nicht mit Kugeln, sondern mit Figuren, gespielt. Schach. Wir nahmen Platz auf dem weißen Sofa in der Küche. Das Schachbrett ebenfalls auf dem Sitz zwischen uns. Schach hatte ich auch niemals zuvor gespielt. Ich glaube, es lag an dem Spiel, nicht an den Bemühungen von Dorothea, daß wir zu keinem nennenswerten Ergebnis kamen. Dann war auch wohl die Schneiderin aus Chinon gekommen, die alles zur Zufriedenheit fertiggestellt hatte. Abends wurde ich früher verabschiedet. Sie wolle sich noch ihr Haar waschen und wenn ich dann morgen mit dem Auto käme, so daß wir gegen Mittag in Paris einträfen.

Es war alles vorbereitet, als ich vorfuhr. Frau Ernst hatte alle Lässigkeit, die das Landleben gestattet, abgelegt. Sie erschien nicht nur äußerlich verwandelt. Katchina war bereits mit Max Ernst vorgefahren. Im Verkehrsgewühl der Stadt stieg Frau Ernst sehr schnell vor dem Haus 13 quai Saint-Michel aus. Das Gepäck blieb im Wagen. Sie bat mich, dieses am nächsten Morgen bei ihnen im Appartement Montparnasse vorbeizubringen. Ich fand es. Es war klein und ohne sonderliche Einrichtung. Ein niedriges Bücherregal voller Kunst-Bücher, dazwischen und darauf Gold-Güsse von Kleinplastiken. Davor lag ein Exemplar eines geknüpften Teppichs nach einer Collage in blau, schwarz, weiß von Max Ernst. Mit dem Rücken zum Entré saß Max Ernst an einem kleinen Sekretär und erledigte Post. Am Boden daneben stand ein Papierkorb. Geknüllte Briefe sammelten sich hier und daneben. Er war in Eile, und als ich alles abgeliefert hatte, meinte er, man solle sich zur gewohnten Stunde im Café Flore treffen. Inzwischen kehrte ich in den Kreis meiner Freunde ins St. Germain zurück. Meine Berichte – ich fand nichts Besonderes dabei – verursachten Unruhe. Es wurde mir klar gemacht, was es bedeute, im Café Flore mit Max Ernst gesehen zu werden. – Er würde sicher nicht kommen! – Er kam! Aber ihm gefiel das Publikum im Flore nicht, war aber gut aufgelegt und führte etwas im Schilde. Wir wechselten die Straßenseite des Boulevards, dessen Pflaster in 10 Jahren aufgerissen und einer aufgebrachten Jugend als Wurfgeschosse dienen würde. – Wir gingen in die Brasserie Lipp hinüber. Natürlich war man dort wohlbekannt, bei den Gästen und Personal gleicherweise. Aber die Contenance ließ einen so tun, als käme man zum ersten Mal. Man war höflich, man verschwieg, daß man sehr wohl wußte, jedoch jede Nuance des Auftritts wurde registriert. Wir wurden zu einem Platz geführt der angenehm. Obwohl das Lokal wie immer sehr voll, war es so arrangiert – natürlich –, daß dieser Platz gerade frei geworden war. Allerdings war es nicht der Lieblingsplatz von Max Ernst. Der befand sich drei Tische weiter zur Ecke. Da wir zu Dritt mit Katchina-Dreamy kamen, ergab sich eine kleine Schwierigkeit. Wer vertraut mit den liebenswürdigen französischen Formen, weiß nun, daß drei Personen schwierig zu plazieren. Auch hier bei „Lipp“ waren entlang der Wände lange durchgehende, ledergepolsterte Bänke. Davor kleine quadratische Tische und dann ein Stuhl mit dem Rücken zum Saal. Diese Tische stehen dann dicht an dicht gereiht. Will man auf der Bank platznehmen, zieht man, wie eine Schublade erst den Stuhl zur Seite, dann den Tisch hervor. Geübter Griff eines Garçon. Für vier Personen werden zwei Tische gezogen, jeder mit zwei couverts. Bei drei Personen bleibt ein couvert ungenutzt. Eine unliebsame Situation. Man steht also einen Augenblick fragend. Unser Garçon, vorlaut witzig, meinte rasch, wir wären ja zu vier. Ob der Hund, gemeint war Katchina, den Stuhl oder die Bank nähme? Katchina hatte verstanden, jaulte kurz vor Empörung auf und wurde auf die Bank genommen. Nein, man hatte nichts abzulegen. Nur die Schirme. Sie wurden auf den Vorsprung hinter der Bank abgelegt, wo sonst auch üblicherweise schnell Mäntel und Taschen verstaut werden. Max Ernst legte seine Schlägermütze dazu. Sonst hatte er Tweed-Jacke mit kariertem Flanell-Hemd, ohne Binder, zur Garderobe. Dorothea trug das „kleine Schwarze“, wie es zur Zeit noch üblich war, jedoch in Dunkelblau, mit etwas höher angesetzter Taille, so daß Proportion und weibliche Form vorteilhaft in Erscheinung treten konnten. Hier war nichts abzulegen, nur zu öffnen. Die Sitzordnung wurde so festgelegt, daß Max Ernst und Dorothea auf der Bank Platz nahmen und den Saal überblicken konnten. Katchina verschwand zwischen beiden und verfiel ins Träumen. Mir war der Platz am Tischchen von Max Ernst zugedacht, das vierte couvert blieb frei zum Abstellen der Platten. Ich saß somit mit dem Rücken zum Saal. Die Ereignisse dort konnte ich nur in der Mimik und aus kurzen Bemerkungen von Max Ernst und Dorothea erahnen. Alles sehr zurückgenommen und nur wenn unumgänglich. Man blieb ja unter sich, das aber ungeniert. Es sollte nicht groß gegessen werden, es war auch noch nicht die Zeit, aber exquisit. Kaviar, Austern, Froschschenkel schmecken? – Jedes wäre für mich eine Premiere. Gut – Sie müssen alles mal erst versuchen und finden dann heraus, was sie bevorzugen. Es wurde alles bestellt und als die Platten kamen, wies Max Ernst jedem eine zu. Er hatte sich ausgedacht, daß jeder alles probieren solle. Das Ganze entsprang wohl einer Laune. Kurzum, wir gaben uns gegenseitig zu kosten und neutralisierten den Geschmackssinn immer wieder mit einem Schluck Sekt. Es ging familiär zu. Die Froschschenkel blieben alsbald bei Frau Dorothea. Die Austern, sie waren ohnedies schon alle, hatten nicht den rechten Geschmack, gab mir, dem Erfahrungslosen, Max Ernst zur Kenntnis.

War es der Sekt, oder sind es die Jahre, die inzwischen verstrichen, weitere Einzelheiten sind mir nicht mehr erinnerlich. Nur, Max Ernst legte Wert darauf, eine kleine Vorstellung für die Leute zu geben – Voilà c’est tout –.

Wir verließen das Lipp. Man sah mit großen Augen auf. Draußen auf dem Boulevard verabschiedeten wir uns schnell, es hatte zu regnen begonnen. Die Lichter der Fahrzeuge reflektierten, sich verdoppelnd, auf dem feuchten Pflaster. Irrlichtern gleich zogen sie vorüber. Ich überquerte den Boulevard. Wieder zurück auf der anderen Seite, diesmal zum „Deux Magots“. Dieses und das „Flore“ bildeten mit „Lipp“ die drei Punkte eines magischen Dreiecks, das sich hier an dieser Stelle über den Boulevard St. Germain legte. Von Freunden – jeunes peintres de l’école de paris – empfangen, erzählten diese mir sofort meine Geschichte. Max Ernst hatte, zu welchem Zweck auch immer, einen Köder ausgelegt. Die Leute hatten zugeschnappt – doch der Köder machte nichts daraus. Die Aufführung im Lipp, das freie Verhalten, hatte Neugier und Irritation zur Folge. Das alte Mittel, von Max Ernst eingesetzt, „die Aspekte schaffen die Verwandlung“, wirkte. Vermutungen machten die Runde. Wer war jener, der solch einen familiären Umgang mit „Max Ernst“ hatte. Verschiedene Versionen waren bereits im Umlauf. Schließlich kam man zu einem mir sehr schmeichelhaften Ergebnis und gab mir den Status der Familien-Zugehörigkeit aufgrund gewisser äußerlicher Ähnlichkeit.

Es war Zeit nach Deutschland zurückzukehren. Jedoch einige Tage später nach diesem Ereignis machte ich noch eine kleine Entdeckung. Mein täglicher Weg führte mich durch die Rue de Seine. Dort hat auch ein „Autograph“ sein Geschäft. Es mag zufällig gewesen sein, daß ich die Auslagen etwas geistesabwesend betrachtete. Handschriften gilt nicht mein besonderes Interesse. Mein Blick verharrte auf den Seiten eines kleinen aufgeschlagenen Albums. Etwa postkartengroße Blätter waren in Seiten mit schrägen Einschnitten eingesteckt. Diese Blätter zogen mich an. Ich wollte in dem Buch blättern und trat in das Geschäft ein. Ein freundlicher älterer Herr lächelte, als er mein Begehr vernahm. Das sind Arbeiten von der George Sand in diesem Album, meinte er. Sie hätte Sie „Dendriten“ genannt. Wenn ich Interesse hätte, ich könne einzelne Blätter davon haben. Das Album könne er nicht geschlossen verkaufen, er hätte keine Kundschaft dafür, außerdem seien die Blätter auch höchst unterschiedlich was ihre künstlerische Qualität beträfe. Ich rechnete im Stillen bei mir nach, ob ich den geforderten Preis erübrigen könne. Zwei Blätter hielten mich gefangen. „Nicht schlecht“ meinte er, als ich mich entschied. Die Arbeiten waren in einer Technik, die auch Max Ernst für seine Arbeiten einsetzte, ein Abdruckverfahren als „agent provocateur“.

Diese letzten Tage des Aufenthaltes in Paris führten mir nochmals meine Erlebnisse vor Augen. Was war wohl hiervon, verwandelt als verschiedene Konstellationen des Lichtes, mit Hilfe meiner alten Spiegelreflex-Kamera, eingefangen. Diese flüchtigen Momente des Augenblicks hatten Silberkörnchen angeregt, und es waren latente Bilder daraus geworden. Nun harrten sie der chemischen Verwandlung in der Dunkelkammer. Die Abzüge auf Papier wurden gemacht – übrigens heute würde ich diese Abzüge lieber etwas weicher sehen.

Nachdem ich wieder mit Max Ernst Kontakt aufgenommen hatte, um ihm die Ergebnisse vorzuzeigen, beschied er mich zu seiner Vernissage in die Galerie Creuzevoult. Dort hatte Eduard Loeb 1958 eine Ausstellung organisiert. Diese Begegnung ließ die vergangenen Erlebnisse in einem anderen Licht erscheinen. Das Entrée zur Galerie, so meine ich zu erinnern, ist ein schmaler Gang, mehr eine Administration – dunkel und hoch. Im Hintergrund führt eine Treppe in das Untergeschoß, den „salle d’exposition“. Noch auf der Treppe stehend ist ein Überblick der Räumlichkeit gegeben. Gedämpfte Geräusche, vornehme Bewegung des Publikums. Jeder beschäftigte sich mit sich selber. Scheinbar, – denn tatsächlich schlich jeder um jeden beobachtend herum. Mißgunst, Geringschätzung blitzte. Eine allgemeine Anspannung der Erwartung. Hin und wieder auch Blicke auf die Exponate. Die Ausstellung war vorzugsweise – in meiner Erinnerung jetzt – ausschließlich von Damen eines gewissen Alters besucht. Man trug das „kleine Schwarze“, mehr oder weniger das Decolleté zeigend. Dies war abhängig von Absichten und dem Besitz einer Perlenkette. Das Revers des Jäckchens war jeweils von einer dicken Brosche geschmückt. Granat-Schmuck, eine Gemme oder sonstiges Altes, wie man es damals trug. Ohne Zweifel, der Schmuck war immer echt. Die Haare silber-violett getönt, mal mehr, mal weniger. Rouge kunstvoll aufgelegt. Das sehr locker liegende und Fülle vortäuschende, toupierte Haar wurde meist durch ein dünnes Netz gehalten, in das kleine Perlen eingearbeitet waren. Diese natürlich falsch. Hier sollte ich nun Max Ernst wiedertreffen, doch ich entdeckte ihn nicht. Er würde wohl später kommen, schloß ich. Mit meinem orange-roten Agfa-Karton, in dem die mitgebrachten Fotos lagen, unter dem Arm stellte ich mich auf Beobachtung. Die Exponate nahm ich kaum wahr. Doch Le chant de la grenouille (1953) – wenn es das war? – begeisterte mich sehr. Dann bemerkte ich eine hohe Doppelflügeltür. Zeitweilig öffnete sich ein Flügel, es trat eine etwas angealterte Dame hinaus, die von einem jungen Mann begleitet wurde. Die Damen wechselten, der junge Mann blieb. Die Damen waren im Verlassen des Kabinetts jeweils in gelöster Stimmung, eine allgemeine Errötung – dem Make-up durchaus nicht zuträglich – hatte sich über ihr Gesicht gelegt, und erst allmählich wich dieser Schimmer dahin. Der gleiche junge Mann bat dann die nächste Dame, die sich zur Audienz gemeldet hatte, denn in dem Kabinett residierte Max Ernst. Ich teilte also dem jungen Mann mein Begehren mit, welches mit hochgezogenen Augenbrauen und Blick auf meine Füße nur ungern zur Kenntnis genommen wurde. Das sei ganz und gar unmöglich! Erst als ich insistierte, daß es sich um eine persönliche Verabredung zu diesem Termin handele, wurde mir die Antwort zuteil, ich solle mich gedulden und bekäme dann ein Zeichen. Ich geduldete mich. Als ich schließlich Einlaß fand, saß Max Ernst in einem Sessel hinter einem großen Tisch, ähnlich wie in Huismes. Er war angestrengt – zerstreut, stimmte dann meinem Erscheinen lächelnd zu, die Türe wurde erst jetzt hinter mir geschlossen. Wir begrüßten uns und gaben kurz die Hand. Dann wollte er natürlich die Bilder sehen. Es waren Roh-Abzüge, die ich vorlegte. Er blätterte rasch, aber interessiert durch, sein hörbares Grinsen übte auf mich beruhigende Wirkung aus. Dann ein erneutes Durchgehen, und es bildeten sich zwei Stapel. Ob er die haben könne – und wies auf die eine Abteilung. Ja gerne, ich wolle ihm gute Abzüge machen. „Aber nein, diese sind gut – warum?“ Er wollte sie sofort dahalten. Daß diese Abzüge meinen Stempel noch nicht trugen, bemerkte ich erst später. Dann meinte er, zur gegebenen Zeit solle ich mich wieder mit ihm in Verbindung setzen. Das Zeichen zum Aufbruch. Die Türe wurde geöffnet – offenbar war aber bereits meine Zeit sowieso längst überschritten. Erneut fand wieder eine Dame Einlaß. In der „salle d’exposition“ trafen mich nun die Blicke, die vorher keine Kenntnis von mir genommen hatten, mit Wohlwollen. Aber es hielt mich nichts mehr – ich nahm meinen Abgang rasch. Madame Ernst hatte ich hier nicht angetroffen.

Bei einer Vernissage 1960 in Köln traf ich Max Ernst wieder. Er schrieb mir eine Widmung in den aufwendigen Spiegel-Katalog und zeichnete mir einen Hahn.

In einem Brief schrieb mir Max Ernst später: „... abgesehen von den ,Bekenntnissen‘ (,man muß niemals bekennen‘, sagt ein altes Verbrecherwort)“ wohlwissend, daß das gewisse Maß an Unbestimmtheit des „agent provocateur“ diesen erst zu dem macht, was er ist – außerdem ist sie der Legendenbildung förderlich.

Im April 1991 trifft man sich zum 100. Geburtstag auf Schloß Augustusburg. - Im Raum ist ein kleines Grinsen vernehmbar – wie bei Alice.

 

Nachdruck des Textes:

Helmut Hahn, „Begegnungen „…oder die Kunst Boule zu spielen“, in: Helmut Hahn. Spiel und Wirklichkeit zum 100. Geburtstag von Max Ernst, Ausst.-Kat. Städtische Galerie Meerbusch, Mönchengladbach 1991, S. 14–22

Der originale Text wurde in geringem Maße orthografisch korrigiert – d. Red.

 

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Als Maler, Bildhauer, Zeichner und Dichter war Max Ernst (1891–1976) einer der charismatischsten Mitbegründer von Dada und Surrealismus. Sein Werk in zahlreichen Kunstgattungen und Techniken, die von Film, Malerei und Collage bis zur Frottage und Grattage reichen, war geprägt ...

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